Geschwister(liebe)

Wo Hass und Liebe nah beieinander liegen


Durchschnittliche Familien in Deutschland haben nach aktuellem Stand zwei Kinder. Familien mit nur einem Kind kommen dagegen immer seltener vor: laut dem Statistischen Bundesamt wachsen nur noch zwei von zehn Kindern ohne Geschwister auf. Experten sind sich einig, dass es den Charakter stärkt, wenn man mit Geschwistern aufwächst.

 

 

Für Eltern ist die Sache allerdings nicht immer ganz so einfach. Denn Streit ist in Familien mit mehreren Kindern vorprogrammiert. Oft ist man dann als Elternteil ratlos und ein wenig überfordert. Fragen wie "Soll ich eingreifen, oder sie machen lassen?" und "Ist das in einer Geschwisterbeziehung normal?" kennt vermutlich jeder, der seinen Sprösslingen schonmal beim Streiten zugesehen hat. Dabei ist ein gewisses Maß an Streit unter Geschwistern für gewöhnlich kein Grund zur Sorge.

Je jünger, desto streitlustiger!

Besonders, wenn die Kinder noch sehr jung sind, etwa im Alter zwischen 0 und 8 Jahren, sind sowohl positive als auch negative Gefühle gegenüber dem anderen Geschwisterteil vollkommen normal. Häufig ist auch beides gleichzeitig vorhanden. Verwunderlich ist das nicht, schließlich haben vor allem kleinere Kinder den größten Anteil an Aufmerksamkeit innerhalb der Familie. Drei- bis Fünfjährige verbringen laut Geschwisterforschern sogar bis zu doppelt so viel Zeit mit ihren Brüdern und Schwestern als mit den Eltern. Doch wer jeden Tag "aufeinanderhockt", wird sich zwangsweise auch mal auf die Nerven gehen.

 

Hinzu kommt, dass Geschwister sich den jeweils anderen ja nicht ausgesucht haben. Sie müssen lernen, wie sie miteinander auskommen können, denn keine Beziehung in unserem Leben dauert länger als die zu den Geschwistern. Dass dabei verschiedene Phasen durchlaufen werden ist ein natürlicher und gesunder Bestandteil der charakterlichen und sozialen Entwicklung.

 

Nach anfänglicher Euphorie über das neue Geschwisterkind stellen sich erste Konflikte ein, sobald das jüngere Kind mobil wird. Es versteht schließlich noch nicht, dass der Bauklotzturm des großen Bruders oder der großen Schwester nicht zum Umwerfen gebaut wurde. Da kommt im älteren Kind schon mal Wut auf, wenn es eine Stunde lang hochkonzentriert an seinem Werk gearbeitet hat und das Geschwisterchen mal wieder alles zunichte macht. Auch Eifersucht ist in dieser Phase nicht unüblich, lässt meist aber nach etwa einem halben Jahr wieder nach.

 

Streit ist unter 2- bis 7-jährigen Geschwistern eher die Norm als die Ausnahme: etwa 3 bis 6 mal pro Stunde (!) geraten Kinder in diesem Alter im Schnitt aneinander. Wer würde da vermuten, dass ausgerechnet in diese Phase die größte Nähe und Verbundenheit der Geschwister untereinander fällt?

 

Sie lieben und sie hassen sich! Was für eine gesunde Mischung?!

 

Bild von White77 auf Pixabay
Bild von White77 auf Pixabay

Tatsächlich ist es aber genau das, was das Aufwachsen mit Geschwistern so wertvoll macht. Kinder profitieren auf lange Sicht enorm von den Streitigkeiten im Alltag, auch wenn es für erschöpfte Eltern zunächst nicht so aussehen mag. Durch Kämpfe auf Augenhöhe, die z.B. mit den Eltern nicht möglich sind, entwickeln sie soziale und emotionale Kompetenzen. Sie lernen, sich durchzusetzen, mit anderen zu verhandeln und Konflikte selbst zu lösen.

 

 

Kinder, die mit Geschwistern aufwachsen, erleben schon früh ein breiteres Spektrum an Emotionen gegenüber ihren Mitmenschen als es bei Einzelkindern der Fall ist. Liebe, Verbundenheit, Ärger, Wut, Hass, all das und noch viel mehr kommt vor. Geschwister können sich im einen Moment streiten, dass die Fetzen fliegen, nur um sich im nächsten Moment gegenüber den Eltern zu verschwören. Da werden gemeinsam Streiche ausgeheckt, obwohl man sich doch gerade noch ziemlich blöd fand. Andersrum kann es auch passieren, dass gerade noch friedlich miteinander gespielt wurde und plötzlich fliegen einem die Bauklötze um die Ohren.

 

 

 

Auf diese Weise lernen Kinder, mit unterschiedlichen Emotionen umzugehen. Und sie lernen auch, dass man sich durchaus zeitweise blöd finden, im Grunde aber trotzdem liebhaben kann, was für die Entwicklung von Empathie eine sehr wichtige Rolle spielt. Unter Geschwistern können solche Emotionen in sicherem Umfeld erforscht und ausprobiert werden. Das sorgt später für eine gesunde emotionale Kompetenz.

 

Was solltet Ihr also tun, wenn Eure Kleinen sich mal wieder fetzen?

 

Bild von sathyatripodi auf Pixabay
Bild von sathyatripodi auf Pixabay

Erst mal ruhig bleiben und abwarten. Das ist nicht immer leicht, unterstützt Eure Kinder aber in deren Entwicklung. Auch wenn es im ersten Moment kontraproduktiv klingt. Seht die Streitigkeiten als das, was sie sind: eine Übung für die soziale Kompetenz, das Kennenlernen und Durchleben verschiedener Emotionen. Auch häufige Streitereien sind kein Grund zur Sorge, so sind Geschwister nun mal. Erst, wenn der Streit handgreiflich wird oder anderweitig ausartet, solltet Ihr als Eltern eingreifen. Ansonsten einfach mal tief durchatmen und den Kindern vertrauen. In den meisten Fällen können auch kleine Kinder schon ganz viel alleine regeln.

 

Natürlich könnt Ihr Eure Kinder auch aktiv unterstützen, wenn Ihr Euch mehr Harmonie im Umgang miteinander wünscht. Unternehmt viel gemeinsam, vor allem auch gemeinsame Mahlzeiten sind wichtig für die Bindung innerhalb der Familie. Bestärkt die Kinder, wenn sie untereinander ein Verhalten zeigen, das Euch gefällt. Das zeigt,

dass Ihr selbst Wert auf Harmonie legt und positive Verhaltensweisen honoriert. Übt das Teilen und andere Dinge, die bei Euren Kindern regelmäßige Streitpunkte sind. Dadurch lernen sie, dass Euch dies wichtig ist und es nicht schlimm ist, wenn man etwas teilen muss. Unterstützt die Kinder im Erleben aller Emotionen und lasst dabei auch negative Gefühle zu. Diese sind ein Teil des Lebens und sollten auch so wahrgenommen werden dürfen. Versucht, keines der Geschwister auszuschließen, wenn Ihr gemeinsame Aktionen plant. Das beugt Rivalitätsdenken und Eifersucht vor.

 

 

Bei aller Förderung und Unterstützung werdet Ihr einen gelegentlichen Streit der Geschwister allerdings nicht verhindern können. Und das ist auch gar nicht nötig oder wünschenswert. Geschwister stärken den Charakter. Wenn man sie lässt.